Informationen zum Strafverfahren


Die Entscheidung für oder gegen eine Anzeige ist für die meisten Frauen schwierig. Der Wunsch nach Gerechtigkeit und Bestrafung des Täters und nach Verhinderung weiterer Straftaten stehen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen die Belastungen, die ein Strafverfahren mit sich bringt und die damit verbundenen Ängste.

Es ist wichtig, dass Sie selbst die Entscheidung treffen, welcher Weg für Sie richtig ist. Für manche Frauen und Mädchen ist ein Strafverfahren eine unzumutbare Belastung, für andere kann es ein wesentlicher Schritt in der Verarbeitung der Gewalttat sein.

Die Mitarbeiterinnen vom Frauennotruf können Sie bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Mehr dazu finden Sie unter Rechtsberatung und Zeugenbegleitung

Hier haben wir einige der häufigsten Fragen beantwortet, die Frauen und Mädchen uns immer wieder stellen:

Muss ich Anzeige erstatten?

Nein. Niemand ist verpflichtet, eine Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch anzuzeigen.

Muss ich die Anzeige gleich nach der Tat erstatten? Was ist, wenn schon viel Zeit vergangen ist?

Nein. Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Missbrauch haben Verjährungsfristen von 5 bis 20 Jahren. Die Frist beginnt erst mit Ihrem 18. Lebensjahr.
Unabhängig davon, ob Sie eine Anzeige erstatten wollen oder nicht, sollten Sie auf jeden Fall zu einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt gehen. Dort können Verletzungen festgestellt und behandelt werden, sowie Fragen zu ansteckenden Krankheiten und Schwangerschaft geklärt werden.
Die Untersuchung dient auch der Sicherung von Beweismitteln, die im Falle einer Anzeige für die Überführung des Täters wichtig sein können.

Wenn es Ihnen möglich ist:

  • Waschen Sie sich nicht vor der Untersuchung.
  • Bewahren Sie Kleidungsstücke, Tampons, Slipeinlagen usw. in Papiertüten auf.

Bitten Sie die Ärztin / den Arzt, die Untersuchungsergebnisse und Verletzungen genau zu dokumentieren. Ein entsprechender Untersuchungsbogen kann bei uns bestellt werden. Das Bestellformular finden Sie unter Informationsmaterial.

Wo kann ich Anzeige erstatten und wie läuft die Vernehmung ab?

Bei akuter Gefahr rufen Sie die Polizei an: Polizeinotruf 110
Eine Anzeige erstatten Sie beim zuständigen Kommissariat für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in Ihrer Stadt. Adressen und Links

Sie können sich von einer weiblichen Kriminalbeamtin vernehmen lassen. In den zuständigen Kommissariaten sind die MitarbeiterInnen in der Regel für die Befragung von Opfern sexualisierter Gewalt geschult. Sie haben das Recht auf Begleitung durch eine Anwältin oder eine Vertrauensperson bei der Vernehmung.

Die Befragung ist ausführlich und detailreich, sie kann einige Stunden dauern und ist ziemlich anstrengend. Sie können um eine Pause bitten, wenn es Ihnen zu viel wird. Erinnerungslücken sind normal, Sie können auch später noch Ergänzungen machen.

Erfährt der Täter, wo ich wohne?

Ja, es sei denn, Sie beantragen den Schutz Ihrer Adresse bei der Anzeigenerstattung.

Kann ich die Anzeige wieder zurückziehen?

Nein. Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Missbrauch sind sogenannte Offizialdelikte. Sobald die Polizei von einer Tat erfährt, muss sie von Staats wegen ermitteln. Es ist dann nicht mehr möglich, die Anzeige zurückzuziehen.

Was passiert, nachdem ich eine Anzeige erstattet habe? Wie läuft das Strafverfahren ab? Wie lange dauert es, bis es zum Prozess kommt?

Wenn Sie Anzeige erstatten, nimmt die Kriminalpolizei die Ermittlungen auf, es werden ZeugInnen vernommen, Beweismittel gesichert, der Tatort besichtigt.
Die Ergebnisse werden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die darüber entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder das Verfahren eingestellt wird.

Entscheidet sich die Staatsanwaltschaft Anklage zu erheben, leitet sie die Unterlagen an das zuständige Gericht weiter. Dort wird geprüft, ob es wahrscheinlich ist, dass dem Angeklagten die Tat nachgewiesen werden kann. Wenn ja, wird das Hauptverfahren eröffnet.

Die Ladung mit dem Prozesstermin erhalten Sie per Post vom Gericht. Häufig dauert es sehr lange, bis die Verhandlung stattfindet; 6 Monate bis 2 Jahre sind keine Seltenheit. Ist der Täter in Haft findet die Verhandlung vor Ablauf der 6 Monate statt.

Wie läuft die Hauptverhandlung ab?

Die mündliche Hauptverhandlung kann mehrere Tage dauern und Sie sollten sich auf lange Wartezeiten einstellen.
Der Ablauf ist genau geregelt. Wir können Ihnen die einzelnen Abschnitte in einem Gespräch beschreiben und auf Ihre Fragen dazu eingehen.

Im Rahmen der Beweisaufnahme werden auch Sie als Hauptzeugin vernommen.
Sie werden, wie alle ZeugInnen, darüber belehrt, dass Sie die Wahrheit sagen müssen und werden dann, der Reihe nach, von den Prozessbeteiligten befragt.
Es gehören auch detaillierte Nachfragen zum genauen Tathergang dazu, die notwendig sind, um eine genaue Vorstellung von der Tat zu bekommen.
Die Vernehmung ist meistens sehr anstrengend. Wenn Sie eine Frage nicht verstehen oder sich an etwas nicht mehr erinnern können, sagen Sie dies. Wenn Sie erschöpft sind, können Sie um eine Pause bitten.
Eine Gerichtsverhandlung ist grundsätzlich öffentlich. Sie können jedoch selbst oder über Ihre Rechtsanwältin / Ihren Rechtsanwalt den Antrag stellen, dass die Öffentlichkeit während Ihrer Vernehmung ausgeschlossen wird. Dies kann mündlich und während der Verhandlung geschehen. Das Gericht entscheidet über Ihren Antrag.
Wenn das Gericht dem Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit zustimmt, müssen alle ZuhörerInnen den Saal verlassen, d. h. auch die Personen Ihres Vertrauens, Ihre FreundInnen und UnterstützerInnen. Daher ist dieser Antrag gut zu überlegen und vielleicht erst vor Ort zu entscheiden, wenn klar ist, wer zum Zuschauen gekommen ist.

Muss ich vor Gericht in Gegenwart des Angeklagten aussagen? Kann ich eine Begegnung mit ihm vermeiden?

In den meisten Fällen müssen Frauen ihre Aussage in Gegenwart des Angeklagten machen. Der Grund hierfür ist das Recht des Angeklagten, zu hören, was ihm vorgeworfen wird. Nur in Ausnahmefällen, z.B. wenn deutlich wird, dass die Frau oder das Mädchen nicht in der Lage ist, eine Aussage zu machen, wenn der Angeklagte im gleichen Raum ist, kann das Gericht den Angeklagten während ihrer Vernehmung ausschließen.

Es kann auch sein, dass Sie dem Angeklagten oder seinen Angehörigen oder Freunden auf dem Flur begegnen. U.a. um dies zu vermeiden, gibt es z.B. am Lübecker Gericht ein ZeugInnenzimmer, in dem Sie die Wartezeiten verbringen können. Bitte sprechen Sie darüber mit Ihrer Anwältin / Ihrem Anwalt oder einer Mitarbeiterin des Frauennotrufs.

Wozu brauche ich eine Anwältin oder einen Anwalt ? Was ist eine Nebenklagevertretung?

Wenn Sie eine Anzeige erstatten, ist es grundsätzlich sinnvoll, einen eigenen Rechtsbeistand zu haben. Mit einer Rechtsanwältin / einem Rechtsanwalt erhalten Sie den Status einer "Nebenklägerin" und erheben neben der Staatsanwaltschaft, die im Namen des Staates fungiert, Anklage. Damit erhalten Sie mehr Rechte im Strafverfahren, z.B. das Recht

  • auf Akteneinsicht,
  • Anträge stellen zu lassen (z.B. auf Ausschluss der Öffentlichkeit während Ihrer Aussage),
  • auf Anwesenheit während des gesamten Verfahrens,
  • unangemessene Fragen zurück weisen zu lassen,
  • Fragen an alle Prozessbeteiligten stellen zu lassen,
  • ein Plädoyer halten zu lassen,
  • Schmerzensgeld beantragen zu lassen,
  • Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen zu lassen.

Diese aufgezählten Möglichkeiten kann Ihr Rechtsbeistand nach Rücksprache mit Ihnen wahrnehmen.
Eine Nebenklagevertretung ist nicht möglich, wenn der Angeklagte zum Tatzeitpunkt noch nicht erwachsen war. Trotzdem ist auch in diesem Fall eine anwaltliche Erstberatung dringend zu empfehlen.

Die Kosten für die Nebenklagevertretung können in vielen Fällen übernommen werden.

Welche Kosten kommen auf mich zu?

Die Erstberatung bei einer Anwältin / einem Anwalt ( z.B. vor der Anzeigeerstattung) müssen Sie nur dann selbst bezahlen, wenn Sie nicht arm im Sinne des Gesetzes sind, und daher auch keine Prozesskostenbeihilfe erhalten. In diesem Gespräch können Sie z.B. klären, wie die Straftat(en) vom Gesetzgeber juristisch eingeordnet werden könnten und welches Strafmaß in Aussicht stünde.
Es besteht auch die Möglichkeit, dass der Weiße Ring (Adressen und Links) nach einer Befragung die Kosten einer anwaltlichen Beratung übernimmt.
Kommt es zu einem Gerichtsverfahren und sind bestimmte Bedingungen erfüllt (Straftat ist ein Verbrechen), wird Ihnen auf Antrag eine Nebenklagevertretung durch das Gericht beigeordnet. Die anfallenden Kosten werden dann - unabhängig von Ihrem Einkommen - vom Staat übernommen. Ist dies nicht der Fall, können Sie Prozesskostenbeihilfe beantragen.
Wird der Angeklagte verurteilt, muss er die Kosten des gesamten Verfahrens tragen.
Eine kompetente Rechtsanwältin / ein Rechtsanwalt wird Sie über Ihre Möglichkeiten informieren und die entsprechenden Anträge stellen.

Habe ich Anspruch auf Entschädigung für das, was mir angetan wurde?

1. Opferentschädigungsgesetz

Unter bestimmten Bedingungen können Sie Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz bekommen. Dies können z.B. Kosten für Heil- und Krankenbehandlung, Psychotherapie u.a. sein. Voraussetzung dafür ist z.B., dass Sie eine Anzeige erstattet haben und aktiv an der Aufklärung der Straftat mitarbeiten. Nur in wenigen Ausnahmefällen geht es auch ohne eine Anzeige oder Nennung des Täters.

Den Antrag müssen Sie beim Versorgungsamt stellen. Es empfiehlt sich, bei Anträgen auf Opferentschädigung die Hilfe und Unterstützung einer erfahrenen Anwältin / eines Anwaltes in Anspruch zu nehmen. Erste Auskünfte erhalten Sie auch im Frauennotruf.

2. Schmerzensgeld

Eine Anwältin / ein Anwalt kann für Sie zusätzlich beantragen, dass ein volljähriger Täter dazu verurteilt wird, Ihnen Schmerzensgeld zu zahlen. Manchmal wird dieses Verfahren dann gleich in der Hauptverhandlung mit erledigt. Fragen Sie danach, ob dies in Ihrem Fall sinnvoll ist und ob es Aussicht auf Erfolg hat.

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